Meisterwerke der Kritzelei – MdK
Kritzeln, das kennt jeder von uns aus seinem Alltag, wenn ziellos und nebenbei zeichnerische oder schriftliche Gebilde ohne geplante Aussage auf einem Trägermaterial, meist ein Notizblock oder vergleichbares Blattwerk landen. Peripher und unbefangen, oft während einer anderen konzentrierten Tätigkeit entstanden, messen wir dieser Ansammlung an Verquerem wenig Bedeutung bei. Doch sie hat Bedeutung, die sich allerdings den allgemeinen Regeln semantischer Sinngebung entzieht. Das Kritzeln steht vor, über oder wider dem Sinn und pflegt damit gewisse Nähen zum Surrealen und Absurden. Wie auch immer es aussehen mag, es ist ein präfigurativer Selbstläufer, den man nur schwer entziffern und schon gar nicht interpretieren kann.
Was für das Alltagskritzeln gilt, trifft in der Struktur ähnlich auch auf die künstlerische Kritzelei zu: Striche und Linien erscheinen in einer absichtslos erstellten Ordnung, produzieren ein Produkt, ohne es inhaltlich zu definieren, verdichten ein spontanes Nochnicht zwischen Inspiration und Ideenfindung.
Die Kritzelei ist also keine Skizze, sondern ein davor liegendes Provisorium, eine permanente zeichnerische Geste, die ihre Spuren im weitern Werkprozess hinterlassen wird.
Uns hat interessiert, was eigentlich ist die Kritzelei, ohne die kein Künstler auszukommen scheint und vor allem kann man ihre private Kreativität auf die Fläche dehnen und à la prima gesetzt öffentlich machen. So fungieren seit gestern die Wände des Kunsttempels als große Zeichenblättern, die, im Duktus des Raums bearbeitet, besser bekritzelt heute Nacht in einem begehbaren, be-zeichneten Bildraum enden werden. Für uns ist das ein Experiment, ein persönliches, in jedem Fall monologisches künstlerisches Verfahren in Aktion einer Gruppe vor allen Augen nachvollziehbar und sukzessive als Environment ästhetisch erlebbar zu machen, schließlich handelt es sich um Meisterwerke des Genres. Zum andern fordert die Kritzelei mit ihrem losen Verlauf per se kongeniale Betrachtung, die wie sie selbst auch, irregulär, kurios, flüchtig, verzweigt, kryptisch und triftend vonstatten geht. Damit bietet sich eine ungewöhnliche und ungewohnte Lektüre verschiedener individueller Handschriften, die sich formen, ohne eine Format abzugeben, sich verlieren, ohne Verlust anzuzeigen, sich in Andeutungen bündeln, ohne konkret werden zu müssen.
dokri
mdk-admin, 7. September 2006 um 08:45:59 MESZ
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"und schon gar nicht interpretieren kann"
so, da gehe ich jetzt her und interpretiere: aufgepaßt: interpretier, interpretier, da ist ein haus und hier ein tier, dies ist doch rorschschach, jede wette!
"ohne es inhaltlich zu definieren"
aber klar ist definition, wo gegenstand, wo struktur ist!
"ohne konkret werden zu müssen"
w.z.b.w.
tryout,
8. September 2006 um 21:37:58 MESZ
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